user Avatar

Social Media-Auftritte deutscher Politiker in der Kritik

Wenn Sie an Politik in sozialen Netzwerken denken, wer fällt Ihnen da als erstes ein? Es gibt zwei sehr wahrscheinliche Antworten, sofern Sie kein besonders politikinteressierter oder –engagierter Nutzer sind. Die erste Möglichkeit ist: Keiner. Warum das so ist, werden wir nachfolgend erörtern. Die zweite Möglichkeit, doch dafür müssten Sie Social-Media-technisch schon ein wenig mehr bewandert sein, wäre: Barack Obama oder Cem Özdemir. Auch dafür gibt es einen guten Grund.

Politik in sozialen Netzwerken

Zur Recherche haben wir uns die Social Media Auftritte verschiedener Politiker mal angesehen und festgestellt: Langweilig! Vor allem aber bieten sie wenig Anreiz für potenzielle Wähler, sich weiter mit der Politik des jeweiligen Politikers oder der Partei zu beschäftigen. Warum? Weil der Durchschnitts-User nicht durch seinen Feed scrollt, um auf mehrseitige PDF-Dateien von Gesetzesentwürfen, hochgeladenen Reden oder unnötig langen Bundestagsdebatten zu stoßen. Denn dafür hat man in den meisten Fällen weder Zeit noch Lust übrig. Was möchte man dann? Kurze, prägnante Beiträge, die Interesse wecken. Und kein trockenes Politikergerede.

Entdeckt haben die deutschen Politiker soziale Medien schon lange. Im Bundestag sind 92 Prozent der Politiker auf Facebook und mehr als 50 Prozent auf Twitter vertreten. Mit YouTube werden statt hochgeladener Bundestagsreden eher die daraus entstanden Versprecher viral verbreitet. Social Media Präsenz? Nicht schlecht, denken Sie. Leider bedenken wenige, dass Facebook keine Wirtschaftszeitung ist und Beiträge entsprechend anders verpackt werden müssen.

Sich selbst darstellende, für sich werbende Politiker und Parteien können wir auf Wahlplakaten sehen, immer und überall. Wozu auf Facebook den gleichen, öden Weg gehen, wenn andere Aktionen so viel mehr Resonanz bringen. Nutzer möchten einen persönlichen Auftritt von Politikern. Vielleicht selbstkritischer, mehr erklären statt den üblichen Politikkauderwelsch von sich geben. Mehr persönliche als allgemeine Meinung veröffentlichen.

Cem Özdemir – Ein Paradebeispiel

Cem Özdemir - Twitter

Auf dem Bild sieht man Özdemirs Eltern friedlich und glücklich Weihnachten feiern. Mit spitzem Sarkasmus schlägt er hiermit gegen alle Islamgegner und PEGIDA-Anhänger, denn er liefert ein offensichtliches Beispiel für gut integrierte Menschen mit Migrationshintergrund.

Mittlerweile haben über 50.000 Nutzer diesen Post geteilt, retweetet oder favorisiert – die Reichweite betrug etwa 2 Millionen. Zudem verbreitete sich die Diskussion geradezu viral, Özdemir konnte PEGIDA-Anhängern und Rassisten ordentlich den Wind aus den Segeln nehmen und hat damit mehr als sein Ziel erreicht.

Doch auch allein die Kurzübersicht von Özdemirs Twitter-Profil fällt positiv auf:

Cem Özdemir - Twitterprofil

Er vertritt kurz und knapp seine Meinung, lässt User mitdiskutieren und unterlegt Argumente mit umgesetzten Aktionen oder Beispielen. Hashtags werden signifikant eingesetzt.Er retweetet auch für Ihn positive Beiträge seiner Follower. All das in für „Normalsterbliche“ einfacher Sprache.

Die Kanzlerin und Social Media – #neuland

Ein Blick auf die Twitter- und Facebook-Seiten von Angela Merkel ist hingegen eher ernüchternd. Sie hat zwar unter deutschen PolitikerInnen mit Abstand die meisten Facebook-Fans, zeigt sich aber auf beiden Plattformen eher inaktiv. Interaktion mit den Fans gibt es quasi keine: Posts werden fast ausschließlich zur Information in eigener Sache geschaltet. Dialoge scheinen von ihrer Redaktion weniger gewünscht zu sein.

Angela Merkel - Facebook

Gabriel und Suding – Die haben‘s verstanden

Ihr Kollege Sigmar Gabriel und sein Redaktionsteam haben zwar nur knapp 45.000 Facebook-Fans und auch er postet Artikel, in denen er hauptsächlich sich selbst promotet. Der Unterschied:Sein Team antwortet nahezu immer auf aufmerksamkeitserregende Kommentare und gibt ein kurzes Statement dazu ab. In Sachen Wähler- und/oder Bürgerdialog ist er der Kanzlerin damit ein ganzes Stück voraus.

Sigmar Gabriel - Facebook

Katja Suding, Parteivorsitzende der FDP, geht sogar noch aktiver vor und veranstaltet ganze Facebook-Fragerunden, in denen sie den direkten Kontakt zu ihren Fans und Wählern sucht.

Suding_Facebook

#YesWeCan – Beispiel Obama

Auch ein Blick in die USA lohnt sich: Barack Obama hat 43 Millionen Facebook- und 58,8 Millionen Twitter-Anhänger. Die hohe Zahl verdankt er mit Sicherheit seinem enormen Bekanntheitsgrad. Aber auch in Sachen Social Media lassen sich das Weiße Haus und insbesondere Obama nicht lumpen. Viele seiner Posts sind Fakten, die er jedoch oft mit Beweisen seiner Aktionen oder z.B. Zitaten einflussreicher Zeitungen untermauert. Zudem fällt auf Facebook direkt die prominente Fangemeinde ins Auge. Einflussreiche Persönlichkeiten wie Mark Zuckerberg und Matt Damon interessieren sich für die Beiträge des Präsidenten.

Barack Obama - Facebook

 

Barack Obama - Facebook

 

Barack Obama - Facebook

Fazit:

Sind Social Media-Plattformen als Medium für Politiker also unterschätzt? Wir sagen ganz klar: Ja. PolitikerInnen sollten sich den digitalen Wandel mehr zu Herzen nehmen und Ihren Auftritt auch klar dahingehend ausrichten. Interaktion ist ein großes Thema im Social Web, Fans und Bürger möchten auch online eingebunden werden. Sicher: Fanzahlen à la Obama kommen nicht von heute auf morgen zustande, erstmal sollten außerdem nationale Fans und Wähler erreicht werden. Die Social Media-Interaktion und -Präsenz deutscher PolitikerInnen ist dennoch verbesserungswürdig.

Quellen:
https://www.tagesschau.de/inland/interview-fuchs-social-media-week-101.html


Politiker in Social Media Social Media
Hubertus Porschen

Dr. Hubertus Porschen ist CEO der App-Arena GmbH. Er ist zudem Bundesvorsitzender des Verbandes "Die jungen Unternehmer" und Keynote Speaker für Digitalisierung & Innovation.