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Zuckerberg über Facebooks mobile Zukunft


Bild von Michael Arrington und Mark Zuckerberg auf der Disrupt SF 2012
Arrington und Zuckerberg im Gespräch auf der Disrupt SF 2012 (Foto: TechCrunch)

TechCrunch ist nicht nur einer der größten Technologie-Blogs. Zwei Mal jährlich organisiert man auch die „Disrupt“-Konferenz. Nun war es wieder soweit – und Zuckerberg geladen. Man hat zuletzt nur wenig von dem CEO gehört. Nun debattierte er das erste Mal seit dem etwas unglücklichen Börsengang öffentlich über Facebooks Zukunftspläne, die Bedeutung des mobilen Marktes und strategische Fehler der jüngeren Vergangenheit.

„Mobile is everything“

Das Zitat ist nicht Teil irgendeiner Werbekampagne, sondern ein eindeutiges Statement von Zuckerberg auf die Frage, wie wichtig er den mobilen Markt einschätzt. Dieser werde künftig den Desktop-Markt, als auch die derzeitigen Werbeeinnahmen übertreffen. Auch warum das so kommen soll, erklärt er kurz. Es besäßen nicht nur„sehr viel mehr Leute ein Telefon, als einen Computer“. Sie nutzen Facebook auch viel häufiger – die Wahrscheinlichkeit, Facebook öfter als 6 oder 7 mal pro Woche zu nutzen, sei bei Nutzern mobiler Geräte im Vergleich zu Desktop-Nutzern mehr als doppelt so hoch. Zudem geben die Nutzer auf mobilen Geräten laut Zuckerberg auch mehr Geld aus. Zugleich seien die in den Nachrichtenstrom eingewobenen Anzeigen effektiver, als die traditionellen, rechtsseitigen Anzeigen auf der Facebook-Webseite.

In dem Zuge geht Zuckerberg auch kurz auf die Performance der Aktie ein, die er selbst als „offensichtlich enttäuschend“ bezeichnet. Er gibt allerdings zu bedenken, dass Facebook „keine Dienste zu Verfügung stellt, um Geld zu verdienen, sondern Geld verdient, um bessere Dienste anzubieten“. Es sind nicht unbedingt Worte, die Aktieneigner zu Luftsprüngen zu animieren. Dass die Aktie nach seinem halbstündigen Gespräch mit TechCrunch-Gründer Michael Arrington dennoch um 4,6 % zulegte, liegt wohl eher daran, dass die zukünftige Strategie für den mobilen Markt solide wirkt. Daran, dass es glaubhaft klingt, dass man aus seinen Fehlern gelernt habe.

HTML5 – das falsche Pferd

Bild von Mark Zuckerberg auf der Disrupt SF 2012
(Foto: TechCrunch)

Denn Zuckerberg gestand auch – für einige durchaus überraschend – strategische Fehler ein. So bezeichnete er es als „einen der größten Fehler von Facebook“, so stark und einseitig auf HTML5 gesetzt zu haben. Im Grunde ist die Erkenntnis, dass die Zukunft dem mobilen Markt gehört, in der Führungsriege nämlich alles andere als neu. Bereits auf der „Disrupt“ vor einem Jahr ließ der technische Leiter von Facebook, Bret Taylor, verlauten, dass die Zukunft den mobilen Endgeräten gehöre. Und ein „großer Prozentsatz der Entwickler“ primär darauf hin arbeite. Seinerzeit hieß das allerdings noch, die Ressourcen auf HTML5 zu konzentrieren. Warum sollte man Energie in maßgeschneiderte Applikationen stecken, wenn HTML5 doch von einer hohen und zudem stetig wachsenden Zahl von Geräten genutzt werden kann? Neben der plattformübergreifenden Konsistenz von Facebook begründete Taylor diese Entscheidung 2011 noch damit, dass sich die Beliebtheit der mobilen Hardware-Produkte verändern würde. Taylor implizierte damit, dass die im mobilen Markt markbeherrschenden Geräte von 2001, wie etwa iPhone und iPad, nicht unbedingt die der nächsten Zeit sein müssen. Folgte man dieser aus heutiger Sicht etwas naiv wirkenden Logik, schien ein universeller Cross-Plattform-Ansatz nur folgerichtig.

Ausgezahlt hat sich diese Strategie freilich nicht – sowohl iPhone als auch iPad erfreuen sich weiterhin größter Beliebtheit. Vor allem aber schuf die zwei Jahre andauernde Konzentration auf HTML5 ein Problem, für das der gemeine Nutzer wenig Verständnis hat: Facebook lief als HTML5-basierte App auf iOS-Geräten schlichtweg verdammt ineffizient. Das einhellige Urteil der Userschar: Zu träge, zu langsam. Auch die Benutzeroberfläche war für Touch-Geräte nicht optimal geeignet.

Drastischer Nutzungs-Zuwachs bei Facebook für iOS

Bild von Michael Arrington und Mark Zuckerberg auf der Disrupt SF 2012
(Foto: TechCrunch)

Erst im August 2012 konnten die Usability-Probleme ausgeräumt werden. Das explizit für iOS optimierte Update 5 brachte nicht nur eine besser angepasste Oberfläche mit sich. Vor allem konnten durch den Abschied vom HTML5-Codegerüst die Ladezeiten halbiert werden. In der Folge sind die Nutzungs- und Lesezahlen auf iOS-Geräten geradezu explodiert: Laut Zuckerberg hat sich die Anzahl der gelesen Beiträge seit dem Update nicht weniger als verdoppelt.

Das Update bedeutet, praktisch betrachtet, eine geradewegs exorbitante Reichweitensteigerung bei den zahlreichen Nutzern mobiler Apple-Hardware. Mit der verspäteten, letztlich aber doch noch geglückten Umstellung ist Facebook für Werbetreibende und Firmen interessanter und wichtiger denn je. Insbesondere, da die Brieftasche bei Nutzern mobiler Geräte laut Facebook lockerer sitzt, als bei Desktop-Nutzern.

Zuckerberg versicherte auch,  dass die aktuell noch lahmende Facebook-App für Android definitiv ein Update bekommen wird. Strukturell soll die App der iOS-Version gleichen. Android-Nutzer sollten sich somit auf einen spürbaren Geschwindigkeitsschub freuen können. Einziger Wehmutstropfen: Einen Veröffentlichungstermin ließ sich Zuckerberg nicht entlocken.

Open Graph als Marketing-Motor

Bild von Mark Zuckerberg auf der Disrupt SF 2012
(Foto: TechCrunch)

Anwendungsmöglichkeiten und Potential von Open Graph-Apps haben wir bereits vielfach thematisiert. Unter anderem hat Thomas hat dazu einen schönen Überblick verfasst. Sebastian wiederum hat einen etwas weitergehenden Einblick in die praktische Umsetzung anschaulich dargestellt, als auch ein simples aber höchstpraktisches Publishing-Feature vorgestellt.

Auch Zuckerberg ließ es sich nicht nehmen, auf das Marketing-Potential Open Graph basierter Apps  hinzuweisen. Besonders beindruckt zeigte er sich vor Airbnb, Nike+, Runkeeper und Spotify. Hier haben die Nutzerzahlen seit der Einbindung als Open Graph-App besonders große Sprünge gemacht und die dahinter stehenden Marken damit wesentlich gestärkt.

Mit der Foto-Sharing-App Instagramm hat Facebook selbst ein heißes Open Graph-Eisen im Feuer. Kürzlich wurde die Marke von 100 Millionen Nutzern gesprengt und die Open Graph-Anbindung ausgebaut. Was man mit Instagramm noch vorhabe? Laut Zuckerberg besteht Facebooks „Mission“ einzig darin, Instagramm dabei zu helfen, die Nutzerzahlen auf „mehrere hundert Millionen“ zu erweitern. Zuckerberg wirkt dabei durchaus glaubhaft, denn die Akquise von Instagramm passt hervorragend in die Strategie für den mobilen Markt, in dem Facebook bisher „traditionell schwach“ gewesen sei – so die Aussage von von TechCrunchs Kim-Mai Cutler. Cutler meint zudem, das Teilen von Fotos sei maßgeblich dafür mitverantwortlich, dass der heutige Platzhirsch vor fünf Jahren seine Social Network-Konkurrenz hinter sich lassen konnte. Es fällt schwer, diese Meinung nicht zu teilen. Auch ohne Foto.

Die anhaltenden Spekulationen, ob man denn nicht doch ein „Facebook phone“ geplant habe, wischte Zuckerberg übrigens mit einem Lächeln weg: Ziel von Facebooks sei es, „in jedem mobilen Gerät so tief wie möglich integriert zu sein“. Ein dediziertes Gerät für Facebook passe einfach nicht in diese Strategie. Mag man ihm da wiedersprechen?

Quellen:


Android Facebook und Apple iOS Mark Zuckerberg mobiler Markt TechCrunch Disrupt
Hubertus Porschen

Dr. Hubertus Porschen ist CEO der App-Arena GmbH. Er ist zudem Bundesvorsitzender des Verbandes "Die jungen Unternehmer" und Keynote Speaker für Digitalisierung & Innovation.